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Autor Thema: #thoughts | #celtic #recon #ger  (Gelesen 93 mal)

TheBoringBard

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#thoughts | #celtic #recon #ger
« am: März 01, 2017, 10:58:56 Nachmittag »
Author: Boduos
Date:    2017-03-01
Lang:   German

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#thoughts | #celtic #recon #ger

Keltischer Rekonstruktionismus oder orginal Celtic Recon, das bedeutet den Versuch eine Gedankenwelt, eine Glaubenswelt zu erforschen, zu rekonstruieren.

Wie funktioniert Rekonstruktionismus im klassischen Sinne?
Man geht an die Quellen heran, an die Befunde, an die Forschungsergebnisse, die Texte und Gedanken von DoktorInnen und ProfessorInnen, von PaganistInnen, Hexen, EsokterInnen und SchamanInnen. Man nimmt diese Scherben. Sie sind unvollständig, zerkratzt, an den Ecken erodiert und versucht ohne Anleitung, ohne eine Möglichkeit der Nachprüfbarkeit daraus ein Gebilde zusammenzusetzen. Man geht natürlich mit einer gewissen Vorstellung heran, wie so etwas aussehen müsste, das lässt sich gar nicht vermeiden und nach dieser Erwartungshaltung versucht man dieses Bild Stück für Stück zusammenzusetzen. Mit gut Glück bekommt man nach einiger Zeit möglicherweise ein Gebilde heraus das einen einigermaßen in sich logischen Grundaufbau hat, in sich harmonisch. Man wird nicht alle Stücke zusammenbekommen, deshalb wird man die Lücken aus ähnlichen Kultur- und Religionsscherben ähnlicher Systeme auffüllen müssen, so wie man annimmt, das es einen logischen und harmonischen Gesamtsinn ergibt.

Referenzmodelle im Bereich des keltischen Rekonstruktionismus gibt es nicht. Wir haben keine Blaupause, keine Vergleichsfotographie wie das Ergebnis aussehen sollte. Jede IKEA Einbauküche ist einfacher zusammenzubauen, ohne Anleitung und mit Schrauben von anderen Herstellern. Mit einzelnen Teilen aus anderen Küchen und nicht für unseren Küchengrundriss zurechtgeschnitten. Um mal einen bildlichen Vergleich aus der Moderne zu bemühen, damit sich ein plastisches Bild aufbaut worüber wir hier reden. Das Ergebnis ist eben nicht die tolle Hochglanzküche aus dem Prospekt sondern etwas behelfmäßiges, der Versuch einer Rekonstruktion, aber das auch nur so wie wir sie zuordnen können und uns vorstellen können. Unser Vorstellungsvermögen beschränkt uns in den Möglichkeiten der Rekonstruktion.

Aber keltischer Rekonstruktionismus hat ja nicht nur ein akademisches Interesse an der Vergangenheit. Man geht ja mit einer Intention, mit einer Zielsetzung an die persönliche Arbeit der Rekonstruktion. In jedem individuellen Rekonstruktionsansatz spiegelt sich die Intention der einzelnen Person, ihr persönlicher Erkenntnisstand, die individuelle Arbeitsweise, eigener kultureller und persönlicher Hintergrund und noch ungezählte weitere Faktoren.

Welche Intention jedEr EinzelnEr hat muss jedEr für sich herausfinden. Aber ich denke, man kann gemeinhin sagen es ist der Wille zum Glauben wollen. Der Versuch den Glauben durch angemessene und richtige Riten zu ehren. Der Wunsch nach tieferem Wissen und Einsicht. Das persönliche Wachstum, um nur ein paar Beispiele zu benennen. Die müssen bei Dir lieber Leser, liebe Leserin nicht zutreffen, aber ich denke ich habe die Hauptintention der meisten Pagans gut umrissen und ich versuche diese Intentionen als Argumentationsbasis zu nehmen.

In den Arbeiten des israelischen Professor Harari wird die Thematik der Wahrnehmung, der Ideenbildung und des Glaubens an Bildern thematisiert. Eine seiner Aussagen ist, das man Vergangenes nicht mehr rückgängig machen kann, weil der Mensch an sich sich nicht nur technisch und kulturell sondern auch Kognitiv und in seinem Selbstverständnis weiterentwickelt hat. Gesehenes kann man nicht ungesehen machen, gelerntes nicht ungelernt. Das bedeutet für uns, das wir nur ein Zerrbild der ursprünglichen Glaubenswelt der antiken Kelten darstellen können, nachspielen können.
Natürlich wollen wir modernen Menschen in der Bundesrepublik Deutschland in der Regel keine Sklavenhaltung, keine Todesstrafe, keine Säuglingsmorde und keine Menschenopfer. Wir leben ja schliesslich in zivilisierten Zeiten und das ist nicht sarkastisch gemeint. Natürlich will man sowas in der Regel als Mensch heute nicht mehr. Ausnahmen bestätigen die Regel. Wie will man aber mit solchen Verbiegungen, modernen Tabus und Denkverboten, Verdrehungen und Auslassungen einen vernünftigen keltischen Rekonstruktionismus machen? Meiner Meinung nach ist das weder im Bereich des Machbaren, noch wünschenswert.
Für alle, die aber genau eben dieses sich doch zurückwünschen, die Menschenopfer, das Patriarchat, die Todesstrafe, Krieg, Folter, Vergewaltigung, Sakralkönige und mächtige Priester sollte gesagt sein, auch ihr könnt keine Rekonstruktion mehr erdenken, erschaffen, errichten. Den Grund dafür mag ich gerne schildern, jedenfalls meine Sichtweise darüber.

Die Glaubenswelt, die Weltanschauung eines Menschen ist begrenzt durch die Größe seines Universums. Ein Ackerbauer am Rhein 100 BCE hatte einen sehr kleinen Ereignishorizont. Damit ist die Größe seines erfassbaren Universums gemeint, nicht die persönliche Intelligenz. Was weiss dieser Bauer vom Universum? Kennt er Afrika und Asien? Amerika, Antarktika und Australien? Weiss er, wie unser Sonnensystem beschaffen ist, welche Form unsere Erde hat oder wie die Naturgesetze beschaffen sind? Was weiss er über Biologie, Chemie, Sozialstrukturen Ökonomie oder Ökologie? Diese Menschen waren nicht dumm, das darf man nicht missinterpretieren. Aber sie haben auch mit weniger Vorbildern arbeiten müssen als wir, viele Ideen mussten erdacht werden und weil die Kommunikationswege und die Wissensweitergabe noch nicht so entwickelt waren wie heute. Konzepte mit denen wir von Geburt an groß werden sind für diesen Bauern nicht selbstverständlich, vielleicht aus seiner Perspektive gar nicht denkbar. Geographisch war seine Welt auch wesentlich kleiner. Was weiss der Bauer vom Rhein von Lutetia? Von den keltischen Highlands? Von den germanischen Wäldern?

Wenn man den Blick dann in die Gegenwart schweifen lässt und sich nur in seinem eigenen Land umsieht, andere Länder, Völker, Kontinente ausser acht lässt, wird man feststellen das alleine schon dort viele verschiedene Gruppen parallel existieren die unterschiedliche Vorstellungen vom Universum haben, Werte unterschiedlich definieren, Realität unterschiedlich auffassen. Wie gesagt, das sind keine Aussagen über intellektuelle Fähigkeiten, Talente, Eigenschaften. Unter diesen Umständen dürfte es sehr schwierig sein, ich persönlich halte es für unmöglich, einen orginären keltischen Rekonstruktionismus der auch noch lebbar und glaubbar ist zu reinstutionalisieren.

Allerdings muss ich dazu sagen, das ich persönlich Paganismus und Polytheismus nicht für ein obsoletes Modell halte. Die Frage ist nur, wie man an die gesamte Geschichte herangeht. Wie benennt man das? Rekonstruktion ist es nicht, vielleicht eine Renessaince? Vielleicht ist es eine Transformation.

Ich persönlich sehe in den kommenden Jahren in dieser Entdeckungsreise meine persönliche Quest. Herauszufinden was möglicherweise die Zukunft des keltischen Paganismus ist und dementsprechend nach langer persönlicher Pause wieder mit Beiträgen aufzuwarten. Ob es in der Zukunft wieder ein offenes Forum gibt, einen wechselseitigen Diskurs weiß ich noch nicht. Das hängt mir von zu vielen persönlichen Faktoren ab.



Interessant:
https://en.wikipedia.org/wiki/Yuval_Noah_Harari

#pagan #paganism #heathen #polytheism #recon #spirituality #thoughts

« Letzte Änderung: März 02, 2017, 11:24:17 Nachmittag von Boduos »

 

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